Sonntag, 7. Juli 2013

Das leere Haus voller Erinnerungen / The haunted house of memories

Hunderte Male stand ich bereits hier: Vor der Tür zur Wohnung meiner Großeltern. Mal stolz und aufgeregt, weil ich das erste Mal ohne Stützräder gefahren war. Mal mit buntverpackten Geschenken oder weinend, mit aufgescheuerten Knien und viel zu viel Sand vom Spielplatz in den Schuhen. Andere Male hungrig, mit großer Vorfreude auf Omas Hühnersuppe, die die beste der ganzen Welt ist. Ich konnte sie schon von draußen schnuppern. Heute stehe ich zum letzten Mal in meinem Leben vor dieser Tür und mich beschleicht ein ängstliches Gefühl. Als ich die Haustür diesmal öffne, riecht es nach Staub, alten Möbeln und Leblosigkeit. 



















































Ein herausgerissener Teppich, schmutzige Bodenfliesen, herumstehende Besen, kahle Wände und keine Möbel. Ein leerer Flur. Opa starb vor wenigen Wochen und Oma lebt jetzt bei Mama - ich weiß das. Aber mir war nicht klar, dass die Abwesenheit meiner Großeltern dieses Fundament der Familie in sich zusammenstürzen lässt, wie ein altes, abgenutztes Kartenhaus. 

Im alten Kinderzimmer zu meiner Linken stehen Kisten, leere Stühle und verdreckte Möbel herum. Morgen landen sie auf dem Sperrmüll. An der Wand hängt das vergilbte, verblasste Foto meines Opas in einer Seifenkiste, als er noch ein kleiner Junge war. Ich schließe meine Augen kurz, öffne sie wieder und schaue noch einmal hin. Jetzt erst sehe ich weißen Stuck, von dem die Tapete abgerissen wurde. 

Das klitzekleine Badezimmer mit der Badewanne, in welcher das Badewasser jedes einzelne Mal die perfekte Temperatur besaß, ist heute nur noch eine trostlose Nasszelle. Die kleinen Schränkchen an den Wänden mit Omas Lieblingsparfum „Tosca“ hängen nicht mehr. 

Als ich das zweite Kinderzimmer am Ende des Flures betrete, sehe ich mich selbst als Kind am ersten Weihnachtsfeiertag im weichen Sessel sitzend, „Das letzte Einhorn“ im Fernsehn schauen. Dazu gab es ein Brettchen auf dem ein Nutella-Brot lag. Oma schnitt es immer mundgerecht zu kleinen Teilen. Ich denke an manche gruselige Nacht, in welcher ich in diesem Zimmer nicht einschlafen konnte und mit Heimweh weinend auf dem Teppich kauerte. Dunkle Schmutzränder an den Wänden lassen die Bilder, die früher dort hingen, heute nur noch erahnen. Hochzeitsfotos meiner Onkel und Tanten, meiner Eltern. Stolze Kinder mit riesigen Schultüten am Tag ihrer Einschulung....

„Omaaa!“, ruft ein kleines Mädchen. Es ist die Stimme meiner siebenjährigen Schwester, die teilweise hier aufwuchs. Die Kinderstimme, die ich höre, entpuppt sich lediglich als ein Echo aus vergangenen Tagen, denn meine Schwester Jasmin ist erwachsen und steht gerade direkt neben mir.

Auf dem Weg in die Küche gehe ich noch mal am alten Badezimmer entlang und sehe uns Enkelkinder im Pyjama auf der Badewannenkante sitzen. Wo sind die Tage, an denen Oma unsere kleinen Gesichter in die linke Hand nahm, mit ihrer rechten dicke Tupfer Bebe-Creme verteilte und diese anschließend sanft verrieb?

In der alten Küche sehe ich Oma immer noch beschäftigt hin und her wuseln. Auf der alten Anrichte stand immer eine alte Konfektdose. In ihr warteten leckere Schleckies-Lutscher, Mamba und Maoam-Kaubonbons auf uns Enkelkinder. Jetzt steht diese Anrichte leer. „Wo Mutterhände liebend walten, bleibt das Glück im Haus erhalten“, stand auf einem eingerahmten Bild an der Wand gegenüber des Küchentisches. Während des Frühstücks, Mittag- oder Abendessens hatte ich Jahr für Jahr immer und immer wieder diesen Spruch gelesen.


Von der Küche kommt man direkt ins gemütliche Wohnzimmer. Heute wirkt es wie eine alte Rumpelkammer: Staubige Couchgarnituren, leere Tische und alte Möbel, die auf ihre Abholung warten. Auf einem kleinen Tisch in der Ecke stand jedes Jahr ein kleiner, künstlicher Tannenbaum, den mein Opa kreuz und quer mit Lametta bewarf. Darunter standen für jedes Kind liebevoll dekorierte Weihnachtsteller. 

Ich male mir aus, wie meine Mama zum ersten Mal meinen Papa mit nach Hause bringt, um ihn meinen Großeltern vorzustellen. Höre das laute Lachen der zahlreichen Gäste an Omas 60. Geburtstag oder das Ziehharmonikaspiel meines Opas. Ich sehe ihn mit zusammengefalteten Händen, die er oft auf seinem Bauch ablegte, auf der Couch leise lachen. Oder Jasmin und mich mit dicken Lachtränen in den Augen an Oma gekuschelt. Manchmal hatte sie für uns ihr Gebiss herausgenommen und irgendetwas geplappert - das fanden wir immer so lustig.

Als meine Schwester und ich mit Tränen in den Augen gehen wollen, denke ich an die vielen Tränen der Trauer, des Leides und Schmerzes, die hier in fast 50 Jahren vergossen wurden. Aber auch an die wohlige Wärme an kalten Dezembertagen, wenn die Familie sich an Weihnachten an diesem Ort versammelte. Nun stehen wir vor der Tür. Jasmin und ich mögen den Ton der Schelle und drücken sie deshalb immer und immer wieder. So, als ob wir ihren nachhallenden Klang dadurch niemals vergessen würden. Wir gehen. 

"Das leere Haus voller Erinnerungen" - Kurzer Foto Clip

Was bleibt ist der Gedanke, dass am Ende nichts übrig bleibt. Keine teuren Möbelstücke, keine Fotos an den Wänden und erst recht keine raumerfüllende menschliche Wärme, die dich ein Gefühl der Geborgenheit und des Willkommenseins spüren lässt. Ich lebte bisher noch nie in einer Welt, in der es das Heim meiner Großeltern nicht gab. Bald werden fremde Menschen hier einziehen, hier leben und ihre eigenen Erinnerungen hinterlassen. Ich wünsche ihnen, dass sie so schön und voller Liebe sein werden, wie die meinen. 



I have stood here a hundred times before: In front of the door of my grandparents’ flat. Sometimes cheering from expectations, other times with beautifully wrapped presents or crying with scraped knees and with way too much sand from the play yard in my shoes. Another time anticipating grandma’s chicken soup which is the best in the whole wide world. I could already taste the smell when I was standing outside. As I open the door this time, it smells dusty, old and dead. 

A pulled out carpet, dirty floggings, brooms, bold walls, no furniture. An empty corridor. I know that grandma moved into my mother’s house, because my grandpa has died a few weeks ago. But I was not aware of the fact that my grandparents’ absence would let the basement of this family fall together like an old, useless card house.

On the left there is a children room full of packings, empty chairs and dirty furniture. Everything will be brought to the garbage dump tomorrow. On the wall hangs the old, faded photography of my grandpa as a child sitting in a soapbox racer. I close my eyes for a second and as I open them again, all I see is plastering with ripped off wallpapers.

The tiny bathroom with the bath tub in which the water always had the perfect temperature, now looks bleakly and ugly. The little closet with grandma’s favourite perfume „Tosca“ isn’t hanging anymore. 


As I step into the second children room at the end of the corridor I see myself as a child sitting in the soft armchair watching „The last unicorn“ on TV. Like I did every Christmas. In front of me there is a slice of bread with Nutella, grandma used to cut it into bite-sized pieces. I think of some scary night when I couldn’t sleep in this room. Sitting on the floor and crying cause I was so homesick. Dark borders of dirt giving you a glimpse of the photographs that used to hang there. Wedding photos of my aunts, uncles and my parents.

„Graaannyyy!“, a little girl is calling. It’s the voice of my seven year old sister Jasmin, who grew up in this place. The children’s voice emerges as an echo of days gone bye. Because my sister is already grown up and is standing right beside me. 

On my way to the kitchen I pass the bathroom again and I see us grandchildren dressed in pyjamas sitting on the border of the bath tub. Where are the days when grandma took our small faces into her hands, did big dabbers of Bebe creme all over it and gently spread it all over our faces? 

In the old kitchen I can still see Granny pottering around. There used to be an old confection tin on the old sideboard where sweets used to wait for us. This sideboard is empty now.

From the kitchen we used to get straight into the living room. Today it looks more like a junk room: a dusty couch, empty tables and old furniture waiting to be collected. On the corner there used to be a small, fake plastic Christmas tree every year. Grandpa always threw way too much tinsel on it. Under it there were neat a Christmas plates with chocolate and sweets. 


I imagine the moment when my mom brought my dad for the first time home to this house, when they were both teenagers. I’m hearing the laughter of the guests on my grandma’s 60th birthday or the sound of grandpa’s accordion. I see him with folded hands resting on his belly and I hear his gentle laughter. Or my sister and me laughing uncontrollably because granny took her teeth out and then tried to say something.

As we turn to go, our eyes fill with tears. I think of all the tears of sadness, suffering and pain shed here during the last 50 years. But I also think of the warmth on cold December days when the whole family used to come together here. Now we are standing in front of the door. We always liked the door bell and now we keep on ringing it over and over again. So as if it would help us to never forget it. We’re leaving. 


 
"The haunted house of memories" - Short Clip

What remains is that in the end there is nothing left. No luxury furniture, no pictures and especially no room filling human warmth, giving you a feeling of comfort and being welcome. I have never lived in a world where the home of my grandparents did not exist. Soon foreign people will move in, live here and will leave their own memories. I wish their memories will be as beautiful and full of love as mine. 

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